* Lebenserfahrung *
- die Fortsetzung von gestern:
Da sich für mich die Ereignisse so schnell überschlagen, stehe ich nun einige Zeit auf dem Hof und versuche mich daran zu erinnern, woran ich mich eigentlich erinnern wollte.
Ein Wagen mit einem offenen Anhänger, der auf den Hof fuhr, bringt ein Cut in meine Gedankenwelt. Ein kleiner, glatzköpfiger Mann mit O-Beinen steigt aus und verschwindet im Haus. Es dauert ungefähr eine Mohrrübe lang, bis diese tragische Figur wieder heraus kommt. Er geht an den Anhänger und klappt eine große Hecktüre auf. Harmlos wirkend kommt er auf mich zu und greift nach dem Halfter, den ich seit heute morgen trage. Ehe ich mich versehe, zerrt er ruckartig daran, was so viel bedeutet wie „Beweg dich“. Also tu ich ihm den Gefallen und folgt ganz lässig.
Nun stehen wir vor der offenen Tür des Hängers und ich lasse meinen Blick hineinschweifen. Er ist hell und freundlich, und ich sehe keinen Grund, mir den Eintritt zu verweigern. So betrete ich in gedankenloser Weise den Selbigen. Ich höre das Einrasten der Türe und ahne nicht, was das für mich bedeutet. Meine Angst beginnt erst, als sich der Hänger in Bewegung setzt, doch da ist es schon zu spät.
Als ich endlich dem Blechkasten entsteige, stehe ich auf einer eingezäunten Weide, die den Namen Weide gar nicht verdient. So muss die Steinwüste von Griechenland ausgesehen haben. Meine Mama war Emigrantin und erzählte des Öfteren von Zuhause. Auch wie sie Vater kennen gelernt hatte. Er war der einzige Esel unter den vielen Art-Verwandten gewesen. Das hätte sie aber schon früher stutzig machen müssen. Dann wäre ihr viel Leid, erspart geblieben.
Vorsichtig sondiere ich die Gegend. Auf der höchsten Stelle dieser Landschaftsoase liegt ein Plateau, das ein En-Suite, einen offenen Stall, der mir an regnerischen oder kalten Tagen Unterschlupf gewähren soll, beherbergt – wenn er dicht ist. Zwischen den Gesteinsbrocken hatte man ein paar karge Grasflächen gepflastert, die das Überleben in dieser Einöde garantieren sollen.
Dieses steinige Brachland ist also mein neues Domizil. Mir drängen sich Fragen auf, wie: Was habe ich eigentlich verbrochen? Oder: Ist das ein Ort für Migrationsfamilien, deren Integration nicht gelungen war? Folgt eine Bestrafung nicht erst dann, wenn man auffällig straffällig geworden ist? Weil ich auf diese Fragen keine Antwort weiss, lasse ich im Moment den Dingen ihren Lauf.
Widererwartend und auf bessere Zeiten hoffend, werde ich am anderen Morgen zu einem Morgenspaziergang eingeladen. Zunächst führt mich ein Zweibeiner an einer kleinen Waldlichtung vorbei, hinter der sich eine riesige Halle befindet. Ich erkenne schon von Weitem unsere Art-Verwandten, von denen Mutter immer wiedermal negativ gesprochen hatte.
Überall werden Pferde von kleinen und großen Zweibeinern umzingelt. Meine Zuneigung gilt den Kleinen, denn sie verteilen gerne Streicheleinheiten. Doch der Tag beginnt, wie er gestern endete – mit Enttäuschung und Angst.
Ich bekomme eine Box zugewiesen, in der Futter und frisches Wasser untergebracht ist. Alles sieht gut aus, und ich freue mich, dass ich hier sein darf. Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer. Ich habe nicht mal eine Duftmarke setzen können, da werde ich gleich mit einem Ding konfrontiert, dass sie Sattel nennen. Dieser Sattel hat die Funktion eines Korsetts, das mir den Bauch einschnürt und auf den Rücken drückt. In diesem Klammergriff muss ich spazieren gehen, was mir persönlich nicht ganz leicht fällt, denn der Sattel vermittelt mir das Gefühl, körperlich missbraucht zu werden.
Ein Tag wie dieser verleiht mir das Gefühl, den sklavischen Umtrieben von Zweibeinern ausgeliefert zu sein. Wenn ich nach getaner Arbeit meine Weide betrete, empfängt mich Stille, spärliches Gras und Einsamkeit. Mein psychischer Zustand ähnelt einer Grabrede.
Es ist ein sonniger Morgen, als man mich zum x-ten Mal wieder zum Sattel-Training abholt. Irgendwie freut ich mich darauf, denn in letzter Zeit mache ich enorme Fortschritte. Das Korsett ist gewohnheitsmäßig nicht mehr so eng, und heute sind besonders viele Kinder da, deren Zuneigung ich gewinnen will.
Man sattelt mich wie üblich, und ich will schon loslaufen, als eine Zweibeiner-Stute kommt und mir ein Kind auf den Rücken setzt. Ich hatte ja schon erwähnt, dass ich Kinder mag. Doch diese neue Erfahrung ist sofort zuwider. Das zusätzliche Gewicht lähmt meine Beine so, dass ich nicht in der Lage bin, auch nur einen Schritt machen zu können.
Da gutes Zureden nicht den nötigen Erfolg bringt, versucht man es mit einem Klaps aufs Hinterteil. Mich diesem schlagenden Argument beugend, reisse ich mich zusammen und gehe ein paar Schritte. Sie sind ziemlich unsicher, aber mit jedem weiteren Schritt gewinne ich an Sicherheit und absolviere den Rundweg souveräner als ich gedacht hatte. Nach der dritten Runde bin ich so sicher, dass diese Hürde als gemeistert abgehakt werden kann.
Zu Hause schlafe ich im Stehen ein.
- eine Geschichte von Pitti - ...morgen geht´s weiter.