* Der Hausesel *
„Wer sagt denn, dass nur Esel immer schwere Lasten tragen müssen“, stöhnt Mama, als ihr die Last zu groß wurde. Eine berechtigte Frage, die man zum Anlass nehmen könnte, darüber nachzudenken - was ich nicht tue. Ihre Kräfte reichen nicht immer aus, die schweren Körbe hinunter ins Tal zu tragen. Mit ihren 31 Jahren hätte sie eigentlich schon ihr Gnadenbrot verdient.
Aber Mutter macht sich auf, wie jeden Morgen um diese Jahreszeit, mit zwei riesigen Körben auf ihrem Rücken und mit mir im Schlepptau, in die Weinberge zu laufen. Das stetige Hin und Her, zwischen Weinberghängen und nicht befahrbaren Wegen wird unter der Führung eines Zweibeiners zur Knochenarbeit. Die vollen Körbe mit gelesenen Weinreben, auf dem Rücken meiner Mutter, treten den Rückweg zum Weingut an. Ich kannt, auf Grund meiner körperlichen Konstitution, keinen Korb tragen. Denn meine Statur lässt es nicht zu, einen Korb an mir zu befestigen, ohne dass mein Gleichgewicht der Schwerkraft zum Opfer fallen würde.
Unterwegs bricht meine Mama, aus heiterem Himmel, unter der Last der Körbe zusammen. Ich sehe, wie menschliche Zweibeiner sich mühen, sie wieder auf die Beine zu stellen. Doch es ist vergebens.
Schnell und unbürokratischen treiben sie mich vor sich her, bis wir endlich den Hof erreichen. Nun stehe ich da - bis eine rauhe Stimme ein leichtes „Iiiaaah“ an meine übergroßen Ohren toniert.
Ich erkenne sofort Vaters durchdringende Stimme und bewegt mich, langsam aber gehorsam, in Richtung Stall. Ein hektischer Zweibeiner rennt an mir vorbei und treibt meinen Vater auf den Hof. Dort streift er mit der Fingerfertigkeit eines Zauberkünstlers einen Halfter über Vaters kantigen Schädel und zerrt ihn hinter sich her, um die Körbe der Mutter zu holen.
Vater ist mit einem südländischen Charakter ausgestattet und war kaum zu Hause. Seine zahlreichen Affären brachten ihm den Spitznamen „l´inquieto“ ein. Was so viel heißt wie „der Unruhige“. Keine Esels- oder Pferdestute war hier im Umkreis vor ihm sicher. Dabei ist er alles andere als schön. Das widerum lässt mich hoffungsvoll in die Zukunft schauen.
- eine Geschichte von Pitti - ...Fortsetzung folgt