* Esel sein *

Veröffentlicht auf von xamantaos spotlight

sommer (36) 

- Fortsetzung, ein Esel erzählt:  

 

Esel

Jenseits meiner Koppel grast die privilegierte Klasse, mit langen Mähnen ausgestattet, deren Bewegung so von Stolz getragen sind, dass ich wie ein Trampel wirke. Es sind überschüssige Anteile an Stuten vorhanden, die zwar schön anzusehen sind, aber deren Aufgaben selbst eine Paris Hilton bewerkstelligen könnte.

 

Immer wenn ich mich ihrer Koppel nähere, prescht ein üppig ausgestatteter, muskulärer Hengst vor und baut sich vor mir auf. Währenddessen wenden sich alle übrigen von mir ab und zeigen mir ihre Gesäßnaht, so nach dem Motto „hier gibt es nichts zu sehen“. Doch sollte sich jemand mal die Mühe machen, auf diese Seite der Koppel zu kommen, dann würden sie erstaunt sein, welch herrlicher Anblick, die Rückseite eines Pferdes sein kann. Mein Vater wäre für diese Gedanken sehr stolz auf mich.

 

Es hat schon etwas Befremdendes, dass Pferde im Garten Eden über dunkelgrünes saftiges Gras galoppieren dürfen und dafür auch noch Bewunderung ernten. Schließlich treten sie Futter mit den Hufen. Ich komme nicht umher zu sagen, dass sich am Anfang Neid bei mir breit machte. Schließlich musst ich von früh bis spät irgendwelche Übergewichtigen spazieren tragen, ohne zu wissen, ob es Kinder oder Erwachsene sind. So wahr, wie ich hier stehe und nachdenke, ich habe Pferde noch nie etwas tun sehen, das auch nur mittelbar nach Arbeit ausgesehen hätte.

 

Wir Esel können wenigstens auf eine lange Arbeitertradition zurück blicken. Meine Vorfahren waren schon vor 2000 Jahren mit den Christen unterwegs. Sie halfen beim Bau der Pyramiden und überall, wo das Gelände steinig und unübersichtlich war und ist. Die Landwirtschaft war die einzige Domäne, wo uns Pferde überlegen waren. Dafür waren unsere anatomischen Gegebenheiten zu schwach. Aber diese Aufgaben werden heute von Maschinen übernommen, die auch Pferde überflüssig machen. Besondere Stärke zeigten wir im Militärdienst. Esel und Muli kämpften mit Ausdauer, in bergischen Landschaften, immer an vorderster Front, während Pferde schneller flüchten, als sie Heu sagen können.

 

Mama erwähnte mal, dass Pferde und Esel zu der Gattung „Fluchttiere“ gehören. Als ich das erfuhr, wurden meine Ohren immer länger, obwohl sie schon größer waren, als die der Nachbarn. Ich ein Fluchttier - NEIN niemals. Das kann ich nicht so stehen lassen, sonst ärgere ich mich noch grau. Das mag für die andere Seite der Koppel gelten, aber nicht für mich. Pferde sind scheu, sensibel, Pflanzenfresser und ängstlich, denn sie benötigen ein Leittier. Nach meiner Erfahrung braucht ein Herdenmitglied der Pferdefamilie nur Blähungen zu haben, dann verwandelt sich der Rest der Familie zu Fluchttieren.

Das ist wahr.

 

Ich hingegen, gehöre einer Rasse an, die einer gewissen Stressresistenz, anheim liegt. Meine physischen Vorteile, den Art-Verwandten gegenüber, lassen sich nicht leugnen. Meine Hufe sind belastbarer und elastischer als bei Pferden. Ich ernähre mich auch anspruchsloser und habe mehr Pflanzen auf dem Speiseplan. Ein längeres Fell schützt mich auch besser vor der Witterung. Wir sind autonomer, robuster, geduldig, genügsamer und lernen meist schneller. Das alles drückt sich auch in der durchschnittlichen Lebenserwartung von über 40 Jahren aus.

 

Auch wenn transzendentale, von Grasdämpfen geschwängerte Luft, in mein Territorium eindringt, sorgt meine genetische Disposition dafür, eine Analyse durchzuführen. Viele Zweibeiner werten das Verhalten als störrisch, doch dem ist nicht so. Wie jede Analyse, braucht sie natürlich ihre Zeit. Erst wenn ein Ergebnis vorliegt, folgt auch eine angemessene Reaktion.

 

Als Esel kann man das Leben besser meistern, ist autonomer und zufriedener.

 

Ich bin froh ein ESEL zu sein!

 

Ende

 

- Meine Geschichte hat hoffentlich gefallen.            * Pitti *  

 

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K
<br /> Das ist aber eine schöne und auch noch interessante Geschichte. Mir hat sie sehr gut gefallen. Danke!<br /> <br /> <br /> Liebe Grüße, Katharina <br />
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P
<br /> Hallo Joachim, die tiere haaben nicht umsonst ein graues Fell.<br /> <br /> <br /> Lg Pitti<br />
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J
<br /> Hallo Pitti! Oh! Die Eselsgeschicht hat mir sehr gefallen. Ich wusste gar nicht, dass diese klugen Gesellen auch für den Militärdienst eingezogen wurden. Das hätte ihnen der Herrgott oder Allah<br /> ersparen sollen. Lach!<br /> <br /> <br /> Liebe Grüße<br /> <br /> <br /> Joachim<br />
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