Der Maori

Veröffentlicht auf von xamantaos spotlight

 

Es war im Herbst 1994.  

Im Jahr darauf haben wir in Deutschland unser Haus gekauft und renoviert, ein halbes Jahr danach zog Michaels betreuungsbedürftige Mutter ein - ein lieber Schatz war sie - und wieder ein halbes Jahr danach kamen zwei Katzenkinder hinzu. Aus diesen und anderen Gründen, wie die lange Flugzeit, war im Herbst 94 unsere letzte Reise nach Neuseeland.


(Bitte lesen: am anderen Ende der Welt )

 

Eléna hatte ihr Geologie-Studium abgeschlossen. Ihre Eltern fragten, was sie danach tun würde. Sie wusste es nicht, hatte kein Ziel und sich nirgends beworben. Ihre Mutter war sauer, der Familiensegen hing sehr schief. Ihr schien alles egal zu sein, lustlos hing sie herum. Lediglich für unsere Urlaubsbilder und -berichte aus Neuseeland hatte sie unglaublich brennendes Interesse. Im Sommer gab sie der Familie bekannt: "Norbert und ich machen ein Praktikum in Neuseeland."   Eléna..., diese überängstliche, unselbständige junge Frau. - Eléna am anderen Ende der Welt? "Was willst Du da machen?", schrie ihr Vater. Eléna hatte überhaupt keinen Plan. Sie wollte dort hin, sie hatte Träume. Unbestreitbar ist Neuseeland für Geologen ein äußerst interessantes Arbeitsgebiet.

Im Gegensatz dazu hatte der frischgebackene Wirtschaftswissenschaftler Norbert, ihr Freund, schon eine Jobzusage in der Tasche. So einer war in der aufstrebenden Nation ein gesuchter Mann.


So saßen wir Vier Ende Oktober 94 zusammen im Flieger, fast 30 Stunden lang, mit kurzer Unterbrechung in Singapur. Die ersten 3 Tage verbrachten wir miteinander in Auckland. Fast tat mir Eléna leid, denn Norbert nörgelte ständig an allem herum. Ich verstand nicht, was sie an diesem pingeligen Besserwisser fand. Selbst mein Freund Michael, - wir heirateten erst ein Jahrzehnt später - der auf Pünktlichkeit großen Wert legt, war von Norberts Besessenheit genervt, der alles auf die Minute genau plante. Wie vereinbart trennten sich unsere Wege, bis zwei Tage vor dem Heimflug von uns zwei Älteren. Wir verabredeten uns wieder in Auckland.

 

Michael und ich hatten einen schönen, wenn auch ziemlich verregneten sechswöchigen Urlaub. Fast am Schluss waren wir noch auf der Südinsel. Der Weg nach Auckland war weit und anstrengend, mit der Fähre bei Sturm über die berüchtigte Cockstraße - Mensch, ich kann Euch sagen, schlimm!  - Autofahrt über 1000 km durch Sturm und Regen. Wegen des Linksverkehrs fuhr nur einer, nämlich Michael. Er war fix und fertig bei der Ankunft auf einem Campingplatz kurz vor Auckland, wo wir uns eine Hütte mieteten. Die neuseeländischen Campingplätze haben allesamt hohen Standard. Sie liegen in schönen Landschaften, in Städten meistens am Ortsrand.

 

Es war Nachmittag. Nun lachte die Frühlingssonne vom Himmel. Michael schlief erschöpft, und ich war munter. So machte ich mich auf, die Gegend zu erkunden.  Auf einem Trampelpfad kam ich in einen Wald, wo ich einem schmalen Bachlauf folgte. Rechts des Bachs ging mein Pfad weiter. Nach links führte ein schmaler Holzsteg zu einem verlassen wirkenden kleinen Holzhaus. Neugierig hatte ich den Bach überquert. Der Holzzaun hielt mich nicht ab. Er war an vielen Stellen durchgebrochen.

 

Ich war ca. 30 Metern weit gekommen, als aus der Hütte ein Mann mit einem Jagdgewehr heraustrat. Ein Maori, sah ich an den Tatoos. Das schussbereite Gewehr auf mich gerichtet rief er: "Stehenbleiben! Hände hoch!" Ich folgte ihm und hätte mir vor Schreck fast in die Hose gepinkelt.

 

"Was willst du hier?", schnauzte er mich an.

Vor Verwirrung vergaß ich, englisch zu sprechen und stotterte in Deutsch: "Entschuldigung. Ich will nichts hier. Ich bin eine Touristin. Vom Campingplatz. Touristin! Bitte lassen Sie mich gehen."

"Hä ???" Von diesem Gestammel verstand der Mann nur "Campingplatz" und "Tourist". Ich wollte erklären, aber statt Englisch fiel ich ins radebrechende Italienisch (was ich eigentlich gar nicht kann).

Er glotzte verständnislos und befahl mir, Englisch zu sprechen. Woher ich komme, was ich will. Bin ich gekommen, ihm sein Land abzunehmen? Bin ich Neuseeländerin, Engländern, Amerikanerin, aus Großbritannien? - Nein, nein, nein. -

Ich war vor Angst verzweifelt. Das Gewehr war auf mich gerichtet, keine Chance, hier zu entkommen. Was passiert mir? Niemand würde mich hier suchen...


Er war irritiert. Woher ich komme, was ich will, fragte er wiederholt. Mit Mühe gelang es mir, meine Fassung wieder zu bekommen und englisch zu sprechen. Er hörte zu. Dann lotste er mich mit dem Gewehr zu einer Holzbank an der Hauswand. "Setzen!" Bibbernd folgte ich dem Befehl. Der rettende Steg entschwand meinem Blickfeld. Was wird er mit mir machen?

 

Ich saß, er verschwand in der Hütte. Fluchtmöglichkeiten gab es keine ohne die Gefahr, hinterrücks erschossen zu werden. Als er rauskam, stellte er das Gewehr an die Wand. In der anderen Hand hatte er zwei Dosen Bier, die er öffnete und mir eine hinhielt. Ich mag kein Bier, aber ich hätte alles Mögliche getrunken, um die Gefahr zu mindern und ihn friedlich zu stimmen. Er setzte sich und begann, mich auszufragen, was ich in Neuseeland mache, ob es mir gefällt, wo Deutschland liegt. Dass ich nichts mit den neuseeländischen oder britischen Behörden zu tun habe, musste ich schwören. Dass ich sogar aus einem Land komme, wo man eine andere Sprache spricht als Englisch, beruhigte ihn und machte ihn zugänglich.

 

Meine Verkrampfung wich langsam einer Neugier. Was für eine Gelegenheit, einen "Eingeborenen" ausfragen zu können! Maori ignorieren in der Regel alle, die nicht zu ihnen gehören. Er hieß - ich kann´s nicht sagen. Aber alle Maori müssen auch einen amtlichen "Pakeha"-Namen haben, einen Namen der Weißen. Sie müssen Englisch lernen und die Schulen der Weißen besuchen. Ich durfte den  jungen Mann "Arthur" nennen.

 

Zu guter Letzt saßen wir freundschaftlich, biertrinkend, lachend und scherzend nebeneinander. Ich durfte gehen, wann ich wollte, und hatte eine Visitenkarte mit der Einladung in Arthurs Werkstatt. Er fertigt Maorischnitzereien an - für Maori, nicht für "Pakehas" (nicht für Weiße) betonte er. Zudem empfahl er mir ein tolles Lokal mit preiswerten Landesgerichten für das Abendessen mit "meinen Leuten".

 

Michael hatte gerade ausgeschlafen und Kaffee gekocht, als ich in unsere Campingplatz-Hütte zurück kam.   Interessiert hörte er sich meinen Bericht an. "Nicht auszudenken, was Dir hätte passieren können!" Ja, ich hatte wirklich Glück.

 

Am Abend fuhren wir in die City von Auckland. Wegen langer Parkplatzsuche waren wir etwa zwanzig Minuten später als verabredet an unserem Treffpunkt. Die jungen Leute saßen mit versteinerter Miene da. Als Norbert uns sah, schaute er vorwurfsvoll auf seine Armbanduhr. Nach einer Viertelstunde gezwungener Konversation verabschiedete er sich. Er hätte noch ein anderes Date... blablabla..., leider waren wir ja nicht pünktlich ...laber-schwall...

So ein Ar... arroganter Armleuchter!

 

Eléna atmete auf, als er weg war. Schon von Anfang an in Neuseeland hatten sie sich ständig gestritten, bis ihr nach zwei Wochen der Kragen geplatzt war. Auf einer Farm in Paraparaumu hatte sie sich geweigert, noch einen einzigen Meter mit ihm zu reisen. Da wurden Landwirtschaftshelfer gesucht. Sie heuerte kurzerhand an. Erst vor zwei Tagen hatten sie sich wiedergesehen, um sich auszusprechen. "Es gab nichts zu besprechen. Ich bin froh, wenn ich ihn nicht mehr sehe." Sie war so fertig mit ihm, da gabe es nicht einmal mehr einen Hauch von Bedauern.

 

Wir verbrachten jetzt einen schönen Abend und erzählen viel und lange.

Die Frage, was wollte Eléna nun weiterhin tun? Sie war sehr nachdenklich. "Auf der Farm kann ich bleiben, bis ich etwas in meinem Beruf gefunden habe", sagte sie. Zurück nach Deutschland wollte sie nicht. Aber natürlich gab es ein Problem, das Bleiberecht. 

 

Am nächsten Tag zog sie aus dem Hotelzimmer um zu uns auf den preiswerteren Campingplatz. Hier bestand auch keine Gefahr, Norbert zu treffen. Er wusste ja nicht, wo unsere Unterkunft war. Eléna hat nie mehr etwas von ihm gehört.

  

Natürlich hatte ich ihr von meinem Erlebnis erzählt. Sie war gespannt, den Maori-Mann kennen zu lernen. Wir trafen ihn aber nicht in seiner Hütte an. Michael fuhr uns zu Arthurs Werkstatt. Auch hier war er nicht, nur ein älterer, misstrauischer Moari. "Schade," sagte ich, als wir abzogen, "dann eben nicht."  Es standen kunstvolle große Holzschnitzereien herum, womit die Maori ihre Versammlungshäuser schmücken, und Tikkis - dämonisch aussehende Schutzgeister, die, vorm Eingang aufgestellt, böse Geister von den Wohnhäusern vertreiben.

 

Unser Abschiedsessen war in dem Lokal, das Arthur mir empfohlen hatte. Es war einfach und rustikal eingerichtet. Nach Maori-Art standen vor der Türe 2 Tikkis. Ich versuchte gerade, etwas von der  Speisenkarte zu verstehen, als mich Eléna anstieß. "Guck mal, ein interessanter Typ. Der gefällt mir!" - und schon kam "der" stahlend auf uns zu. Arthur! Er begrüßte uns alle drei herzlich im Lokal seiner Eltern. Wir nahmen alle das vorzügliche Eintopfgericht, das er uns empfahl. Die Bezahlung lehnte der rigoros ab.

Mit Michael verstand Arthur sich sofort - Handwerker unter sich.

Doch Arthur war nicht ganz bei der Sache. Immer wieder lächelte er Eléna zu. Am Ende hatte er nur noch Augen für sie und sie für ihn.   

 

- Liebe auf den ersten Blick! Mir war es aber mulmig, als schon nach einem Monat ihre Heiratsanzeige bei uns eintraf. ´Das Bleiberecht!´ dachte ich. ´Das kann nicht lange gut gehen, bei solch extremen kulturellen Unterschieden.!´  r

Und ob! Sie sind immer noch beisammen, 17 Jahre danach.

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J
<br /> Hallo Xammi! Sehr schön geschrieben. Und jetzt besucht Marianne das glückliche Paar. Die werden bis an ihr Lebensende so froh miteinander und mit ihren Kindern leben.<br /> <br /> <br /> LG Joachim<br />
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<br /> <br /> Lieber Joachim, danke für Dein Lob! Nachdem ich meinen Artikel geschrieben hatte, las ich in der Zeitung, dass Neuseeland auf der Frankfurter Buchmesse dieses Jahr das Hauptthema ist.<br /> Vorgestellt wird da natürlich die Maori-Kultur und natürlich einheimische Autoren jedweder Herkunft. Einen lieben Gruß!<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> <br />