Betreff: Interview
Treffpunkt: Tell-Eiche hinter dem Rüsselsheimer Tierheim.
Zeitpunkt: Montag, 28. Mai, 17:30 Uhr.
Bedingung: Alleine kommen. Keine Fotos - keine Filme - keine Stimmaufzeichnung - Notizblock in Ordnung.
Charis
Den Zettel mit den knappen Anweisungen in der Hand, der am Samstag nachmittag in unserem Briefkasten lag, stand ich eine halbe Stunde zu früh am angegebenen Treffpunkt. Dass die Tell-Eiche ein Naturdenkmal ist und wie ich da hin finde, hatte ich im Internet herausgesucht. Wären nicht ein paar Jogger unterwegs und Leute, die Hunde ausführen, und wäre kein sonniges Wetter gewesen, dann hätte ich es hier nicht alleine ausgehalten. Mir kommt diese Stelle ein wenig unheimlich vor, nicht sehr anheimelnd. Mag sein, dass es an dieser Verabredung liegt.
Es ist am Waldrand, hinter mir ist eine große Wiese mit Obstbäumen. Hier befindet sich der Parkplatz vom Gasthaus "Zum Schützenhof" und mein Auto. Rechts über einer Böschung ist die Autobahn. Stetig braust der Verkehr. Vor mir ist eine Weggabelung. Da steht die abgebrochene Eiche. Dahinter ist Wald und das Tierheim. Es hat einen sehr hohen Zaun, denn es beherbergt auf dieser Seite zwei Tiger.
Ich mache Fotos von der Eiche, neben der ein Baum mit interessant verdrehten Ästen steht. Dann entdecke ich eíne mit Gras überwachsene Wurzelhöhle. Ob darin ein Fuchs lebt? Die Kamera bringe ich ins Auto. Noch 10 Minuten bis 17 Uhr 30.
Eine Familie kommt lachend mit 4 Hunden an mir vorbei. Hübsche Menschen in sportlicher Kleidung. Mann, Frau und zwei Kinder haben je einen Hund an der Leine. Nach kurzer Zeit sind sie ohne Hunde vom Tierheim zurück, steigen ins Auto und fahren weg. Ich bin alleine hier.
Wer ist diese "Charis" schweife ich im Gedanken ab. Ich bin ja immer neugierig, habe im Internet nach dem ungewöhnlichen Namen gesucht. Babyvornamen.de sagt, der Frauenname ist griechisch/jüdisch und heisst Dank, Anmut, Gnade, Liebreiz, Huld. Wikipedia zitiere ich: "Die Chariten (Χάριτες Chárites, Singular Charis) sind in der griechischen Mythologie Göttinnen der Anmut, die mit Aphrodite in Verbindung stehen und entsprechen in der römischen Mythologie den drei Grazien, gratiae."
Okay, das hört sich jedenfalls nicht wie "böse Hexe" an. NOMEN EST OMEN sagten ja schon die alten Römer. In solche Gedanken versunken merke ich nicht, dass halb sechs schon vorbei ist.
"Hallo Xamantao! Schön, dass Sie gekommen sind," klingt eine Stimme hinter mir. "Ich in Charis." Die Frau von eben streckt mir freundlich ihre Hand entgegen. Mann und Kinder sind ohne sie fortgefahren. Ich bin erleichtert. Sie wirkt ganz normal. Aber was hatte ich denn erwartet. EINE HEXE.
Gespannt wie´s weitergeht? Morgen...
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